Was ist ein Spieß?
Jeder Schachspieler kennt die Gabel und die Fesslung – doch der Spieß (englisch: Skewer) wird häufig übersehen, obwohl er in der Praxis mindestens genauso wirkungsvoll ist. In diesem Artikel lernst du, was ein Spieß ist, wie du ihn erkennst und wie du ihn in deinen eigenen Partien einsetzen kannst.
Ein Spieß ist ein taktisches Motiv, bei dem eine Langstreckenfigur (Dame, Turm oder Läufer) eine höherwertige oder wichtige Figur angreift, die auf einer Linie, Reihe oder Diagonale vor einer zweiten Figur steht. Die angegriffene vordere Figur muss wegziehen – und gibt dabei die dahinterstehende Figur zum Schlagen frei.
Merke
Beim Spieß wird die wertvollere Figur zuerst angegriffen und muss weichen. Beim verwandten Motiv der Fesslung ist es umgekehrt: Dort steht die weniger wertvolle Figur vorne und kann nicht weichen, weil sie eine wertvollere Figur dahinter abschirmt.
Beispiel 1: Der Turmspieß auf der Grundreihe
Das folgende Diagramm zeigt eine typische Spießstellung. Der weiße Turm greift den schwarzen König auf der e-Reihe an. Der König steht im Schach und muss wegziehen. Dahinter steht der schwarze Turm auf e1, der anschließend geschlagen wird.
Diagramm 1: Turmspieß auf der e-Linie
Stellung: Weißer Turm auf e5, weißer König auf g1, weiße Bauern auf f2, g2, h2. Schwarzer König auf e8, schwarzer Turm auf e1, schwarze Bauern auf f7, g7, h7.
Weiß am Zug. Der weiße Turm steht auf e5 und gibt Schach auf e8. Der schwarze König muss das Feld e8 verlassen (z. B. nach Kf8 oder Kd7). Danach schlägt der Turm den ungeschützten schwarzen Turm auf e1 mit Te5–e1. Weiß gewinnt einen ganzen Turm durch den Spieß!
Spieß vs. Fesslung – Was ist der Unterschied?
Anfänger verwechseln den Spieß häufig mit der Fesslung. Die Unterscheidung ist aber einfach, wenn man sich eine Regel merkt:
| Merkmal | Fesslung | Spieß |
|---|---|---|
| Vordere Figur | weniger wertvoll (z. B. Springer) | wertvoller (z. B. König oder Dame) |
| Hintere Figur | wertvoller (z. B. Dame oder König) | weniger wertvoll (z. B. Turm) |
| Kann die vordere Figur ziehen? | Nein (wäre illegal oder nachteilig) | Ja – sie muss sogar (oft Schachgebot) |
| Wer profitiert? | Der Angreifer fesselt und greift die vordere Figur an | Der Angreifer gewinnt die hintere Figur |
💡 Eselsbrücke:
Beim Spieß denke an einen Grillspieß – die „größte" Zutat (König/Dame) sitzt vorne und wird durchbohrt, das Stück dahinter fällt herunter. Bei der Fesslung ist die kleine Figur vorne „festgenagelt" und darf sich nicht bewegen.
Beispiel 2: Läuferspieß auf der Diagonale
Spieße funktionieren nicht nur auf Linien und Reihen – auch die Diagonalen bieten dem Läufer hervorragende Gelegenheiten. Im folgenden Beispiel greift der weiße Läufer die schwarze Dame an, die auf derselben Diagonale wie der schwarze Turm steht.
Diagramm 2: Läuferspieß auf der Diagonale a2–g8
Stellung: Weißer Läufer auf a2, weißer König auf h1, weiße Bauern auf g2, h2. Schwarzer König auf g8, schwarze Dame auf d5, schwarzer Turm auf f7, schwarze Bauern auf f6, g7, h7.
Weiß am Zug spielt La2–d5! Die schwarze Dame auf d5 wird vom Läufer auf a2 angegriffen. Sie steht auf derselben Diagonale wie der schwarze Turm auf f7. Die Dame muss das Feld verlassen – anschließend gewinnt Weiß mit Lxf7 den Turm. Ein klassischer Läuferspieß!
Welche Figuren können einen Spieß ausführen?
Nur Langstreckenfiguren können einen Spieß durchführen, also Figuren, die mehrere Felder in einer Richtung ziehen können. Das sind die Dame, der Turm und der Läufer. Der Springer kann keinen Spieß ausführen, da er nicht in geraden Linien zieht. Ebenso kann ein Bauer oder König keinen Spieß durchführen.
In der Praxis ist der Turm der häufigste Spieß-Ausführende, da die offenen Linien und Reihen im Endspiel viele Gelegenheiten bieten. Der Läufer glänzt besonders auf langen Diagonalen, und die Dame kann natürlich in alle Richtungen spießen – allerdings wird die Dame selbst selten für einen Spieß eingesetzt, da sie als wertvollste Figur ungern in die Schusslinie gestellt wird.
Tipps zum Erkennen von Spießmöglichkeiten
1. Achte auf offene Linien und Diagonalen. Immer wenn zwei gegnerische Figuren auf derselben Linie, Reihe oder Diagonale stehen, prüfe, ob du eine Langstreckenfigur dazwischen oder dahinter bringen kannst.
2. Der König ist das häufigste Spießopfer. Da er Schachgeboten ausweichen muss, eignet er sich perfekt als „vordere Figur" beim Spieß. Suche nach Möglichkeiten, den König auf dieselbe Linie wie eine andere wertvolle Figur zu zwingen.
3. Kombiniere Spieße mit anderen Taktiken. Oft entsteht ein Spieß erst nach einem vorbereitenden Schach, einem Abtausch oder einem Zwischenzug. Denke immer einen Zug weiter!
4. Das Endspiel ist die Hochburg des Spießes. Wenn weniger Figuren auf dem Brett stehen, werden offene Linien häufiger – und damit steigt die Wahrscheinlichkeit für Spießkombinationen deutlich.
5. Trainiere mit Taktikaufgaben. Plattformen wie Lichess oder Chess.com bieten tausende Taktikpuzzles, die häufig Spieße enthalten. Regelmäßiges Training schärft die Mustererkennung enorm. Auch auf dieser Seite gibt es eine umfangreiche Sammlung an Taktikaufgaben die du live im Browser lösen kannst: Schachaufgaben
Übungsaufgabe zum Selbstlösen
Stelle dir folgende Position vor: Weißer König auf g1, weißer Turm auf a1. Schwarzer König auf e5, schwarze Dame auf e2. Weiß ist am Zug.
Frage: Wie kann Weiß hier mit einem Spieß Material gewinnen?
Tipp: Denke daran, welche Linie sich für den Turm anbietet, um zuerst die Dame und dann – nach ihrem Ausweichen – eine weitere Figur anzugreifen. Die Lösung kannst du einsehen, wenn du den Text im gründn Balken markierst.
Lösung: Ta1–e1! Der Turm spießt die Dame gegen den König. Die Dame muss ausweichen, und Weiß gewinnt sie im nächsten Zug.
Zusammenfassung
Der Spieß ist ein kraftvolles taktisches Werkzeug, das in keinem Trainingsrepertoire fehlen sollte. Er ist das Spiegelbild der Fesslung: Statt die schwache Figur festzuhalten, jagt man die starke Figur weg und kassiert die schwächere dahinter. Mit etwas Übung wirst du Spießmotive in deinen Partien regelmäßig erkennen – und dein Gegner wird sich wundern, woher der Materialverlust kam.